Karthago gegen Rom: Stichwort "Cannae"

Karthago gegen Rom: Die römischen Legionen

Karthago gegen Rom: Hannibals Elefanten

Karthago gegen Rom: Wie die Barkiden Rom herausforderten

HAMILKAR UND SEINE SÖHNE

Antike Quellen loben Hamilkar in den höchsten Tönen. Ihren Aussagen zufolge war er militärisch begabt, besaß Wagemut, Ausdauer und Einsicht und war - so Polybios – der größte Feldherr seiner Generation. Betrachtet man allerdings die Ausgangssituation, Hamilkars Strategie und die Ergebnisse des 1. Punischen Kriegs genauer, so relativiert sich das Bild ein wenig: Er war ohne Zweifel ein Meister des Kleinkriegs, besaß reichlich Mut und Ideenreichtum, neigte aber auch zu Unüberlegtheit und starrsinnigem Beharren in ausweglosen Situationen ...

Im ersten Krieg gegen die Römer verzettelte er sich in Stellungskämpfen, die nicht zielführend waren. So konnte er mit seiner Taktik Plätze wie die Insel Pelias, die die Römer erobert hatten, nicht zurückgewinnen. Darüber versteifte er sich auf den Landkrieg, statt die karthagische Überlegenheit zur See auszunutzen. Obwohl die Römer in den ersten fünf fahren des Krieges vier komplette Flotten verloren hatten, baute Hamilkar diesen Vorteil nicht aus: Während er tapfer und entschlossen den Berg Eryx zu Land verteidigte, gab eine verlorene Schlacht auf See den Ausschlag, um 24I v. Chr. in die Friedensverhandlungen einzuwilligen. Dessen ungeachtet personifizierte Hamilkar die Seele Karthagos im Kampf gegen die Römer. Seinem Ruhm entsprechend erhielt er den Beinamen , der Blitz" (baraq): Hamilkar Barkas. Von diesem Zusatz leitete sich auch der Name seiner Familie ab, die „Barkiden“.

Wenige Jahre nach dem Ende des 1. Punischen Kriegs erhielt Hamilkar ein Mandat über die spanische Südküste. Er machte sich 237 v. Chr. in Begleitungseines neunjährigen Sohnes Hannibal sofort auf den Weg, große Teile Spaniens zu erobern. Neben Karthago sollte Spanien zum zweiten Machtpfeiler der punischen Großmacht werden, die durch den verlorenen Krieg gegen die Römer empfindliche Verluste im Mittelmeerraum hatte hinnehmen müssen.

Hamilkar begann seinen Eroberungsfeldzug von der Halbinsel Gades (Gadir, heute: Cádiz) aus. Er nahm den spanischen Stammesfürsten Geiseln ab undforderte Heeresfolge und Tributzahlungen. Als Hamilkar um 229/228 v. Chr. starb, hinterließ er seinen Nachkommen eine kaum zu erschütternde Machtposition im Süden Spaniens.

Sein Schwiegersohn Hasdrubal vergrößerte die Hausmacht der Familie durch diplomatisches Kalkül: Er heiratete in weiterer Ehe die Tochter eines angesehenen spanischen Fürsten, um die Iberer auf freiwillige Unterwerfung und Loyalität einzuschwören. Er hatte mit dieser Taktik einen solchen Erfolg, dass die Spanier ihn zu ihrem Oberfeldherrn ernannten. Als sichtbares Zeichen der karthagischen Machterweiterung gründete Hasdrubal „Neukarthago“ (Cartagena).

Rom sah die Machterweiterung der Rivalin mit fortschreitender Unruhe. Eine römische Gesandtschaft nahm 226 v.Chr. Hasdrubal das Versprechen ab, nicht in kriegerischer Absicht über die Grenze des Iber-Flusses zu schreiten(>Ebro-Vertrag<. Nur wenige Jahre nach Festlegung dieser Demarkationslinie starb Hasdrubal durch ein Attentat.

Nach seinem Tod wählte das Heer 221 v. Chr. Hamilkars ältesten Sohn, Hannibal, zum Oberfeldherrn. Hannibal hatte von klein auf als Soldat mitten unter dem Heer gelebt. In jungen Jahren war er mit seinem Vater nach Spanien gezogen. Antiken Quellen zufolge erzog Hamilkar seinen Sohn im Hass auf die Römer und ließ den gerade Neunjährigen schwören, niemals einen guten Gedanken an die Römer zu verschwenden.

Als Hannibal als 25-jähriger seinen Schwager beerbte, kannte er das Militär und dessen Gewohnheiten genau. Im Gegensatz zu Hasdrubal, unter dem er sich bereits als Soldat ausgezeichnet hatte, war er ein Mann raschen Handelns und von aggressivem Tatendrang. Laut Polybios zeichnete sich Hannibal ebenso als militärischer Stratege wie als geborenes Führertalent aus. Stets mit dem Ziel vor Augen durch territoriale und materielle Besitzerweiterung wider ein ebenbürtiger Kriegsgegner der Römer zu werden, begann er sofort, das restliche Spanien zu unterwerfen.

Hamilkars Sohn schritt schnell mit seinen Eroberungen voran und eroberte im November 219 v. Chr. nach achtmonatiger Belagerung die Stadt Sagunt. Sagunt war mit Rom offenbar nur in lockerer Form verbündet (>Sagunt-Klauseln im Ebro-Vertrag). Die genaue Beziehungsstruktur ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Tatsache ist jedoch, dass die Römer militärisch in keiner Weise auf die Einnahme Sagunts reagierten. Als Hannibal jedoch weiter nachNorden vorstieß und schließlich ein halbes Jahr später den Iber-Fluss überquerte, hatte er die magische Grenze durchbrochen: Nun wurde Rom aktiv. Eine römische Gesandtschaft forderte in Karthago die Auslieferung Hannibals. Als die karthagische Regierung diese Forderung verweigerte, war die Kriegserklärung Roms unausweichlich. Es begannen auf beiden Seiten die Vorbereitungen zum2. Punischen Krieg ...

 

INS HERZ DES FEINDES

 

Bevor wir einen der kühnsten Feldzüge der Geschichte betrachten, ist eine Frage zu klären: War Hannibals Vorstoß nach Italien eine Aggression – oder ein Präventivschlag?

Bei sorgsamer Abwägung   2. Punischen Krieg doch eher von einer von einer punischen Aggression die Rede sein, selbst wenn man Hannibals Angriff auf Sagunt als den Kriegsauslöser betrachtet. Roms Politik gegenüber Karthago musste Hannibal etwa so erscheinen - und die moderne Geschichtsschreibung teilt diese Sicht:

Vor Ausbruch des Krieges konnte man in Karthago erwarten, dass die römische Aggression über Sagunt nach Neukarthago (Cartagena) und selbst nach Afrika führen würde Eventuell wäre dieser Vorgang langsam vonstatten gegangen. Zu jener Zeit betrieb Rom keine folgerichtige imperialistische Politik; oft schwankte diese Politik, oft war sie schüchtern, träge, doch ihre mal von Furcht, mal von Neid, mal von ignorantem Selbstvertrauen, mal von Gier nach Reichtum und Macht beherrschte Bösartigkeit musste unzweifelhaft erscheinen. (Prof. Basil L. Hallward).

Es ist nicht zu belegen, seit wann Catos berühmt-berüchtigtes Wort über die >notwendige Vernichtung< Karthagos in den Köpfen römischer Politiker spukte. Es steht aber auf der anderen Seite fest, dass Hannibal das Kriegsziel, den römischen Staat auszulöschen, nicht verfolgte. Vielmehr strebte er einen Verhandlungsfrieden aus der Position der Stärke an, in dem Sardinien und ein Teil Siziliens an Karthago zurückgegeben und im Allgemeinen die Flügel des römischen Adlers gestutzt werden sollten.

Der Feldherr hatte erkannt, dass Karthago gegen einen überlegenen Gegner Krieg führte: Da war zunächst Roms Seeherrschaft seit dem ersten Krieg, dann der Umstand, dass die Römer und ihre Bundesgenossen in Italien, die ihnen die Treue hielten, einen Kampf zur Verteidigung ihrer Heimat führen - eine nicht zu unterschätzende Motivation. Dazu kamen noch das enorme Menschenreservoir Roms und Italiens und die qualitative und zahlenmäßige Überlegenheit der römischen Infanterie gegenüber dem karthagischen Fußvolk und schließlich die inneren Kräfte des des römischen Staates: Ausdauer, Wille zum Durchhalten, Zähigkeit …

Theodor Mommsen fasst Hannibals Situation so zusammen:

Das „Einzige, was Hannibal gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu werfen hatte, sein militärisches Genie, file nur dann vollständig ins Gewicht, wenn wer seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen deroutierte … Er, der gewaltige Schlachtensieger, sah sehr deutlich ein, dass er jedesmal die Generale überwand und nicht die Stadt, und dass nach jeder neuen Schlacht die Römer den Karthagern ebenso überlegen blieben wie er den römischen Feldherren. Dass Hannibal selbst auf dem Gipfel des Glücks sich nie hierüber getäuscht hat, ist bewunderungswürdiger als die bewundertsten Schlachten...

Hannibal war bei Kriegsbeginn im Frühjahr 218 v. Chr. daran gelegen, die Römer mit Kämpfen am Ebro gegen diverse lokale Stämme so lange wie möglich über seine Absicht, Italien anzugreifen, im Unklaren zu lassen. Schließlich zog er mit einer Armee von 50000 Mann Infanterie und einem Kavalleriekorps von 9000 Mann in Eilmärschen über die Pyrenäen und weiter bis zur Rhône. Nach der Überquerung des Stroms nahm Hannibal Kurs auf die Alpen. Der Feldherr hatte sich durch Kundschafter über die Alpenpässe, über die Verhältnisse in der Po-Ebene und über die politische Einstellung der dortigen keltischen Stämme, die durch Rom nicht völlig unterworfen waren, genau informiert.

Auf ihre Unterstützung hoffte er; Hannibals Italienarmee schloss denn auch zahlreiche Kelten ein, neben Afrikanern, Männern aus Hispanien und den berühmten balearischen Schleuderern. Die Alpen überwanden die Karthagerin zwei Wochen und erreichten die Po-Ebene Ende Oktober 218 v. Chr.

Am Fluss Ticinus sahen sich die Karthager dem konsularischen Heer unter Publius Cornelius Scipio gegenüber und besiegten es in einem winterlichen Reitergefecht. Der Konsul, schwer verwundet, wurde durch seinen 17-jährigenSohn, den späteren Scipio Africanus, vom Schlachtfeld gerettet.

Ein zweites konsularisches Heer war da gerade im Begriff, von Sizilien nach Afrika zu segeln. Hannibals Erscheinen in der Lombardei rettete seine Heimat vor der Invasion: Der Senat befahl dem Konsul Tiberius Sempronius Longus, nach Norden zu marschieren. Am Fluss Trebia, nahe Placentia am Po, wurde die erste große Schlacht Ende 2I8 v. Chr. geschlagen. Der Kampf verlief ähnlich der späteren Cannae-Schlacht: Die überlegene römische Infanterie drang im Zentrum planmäßig vor und wich zunächst auch nicht, als ihr ein punisches Umgehungskorps in den Rücken fiel. Schließlich wurden aber die dicht gedrängten Massen der römischen Infanterie doch bezwungen. Die Niederlage kostete die siegreichen Römer etwa 20 000 Mann; 10 000 Legionäre konnten die Umzingelung allerdings durchbrechen.

Norditalien war bezwungen, nun galt es, über den Apennin ins Herz der Halbinsel vorzustoßen. Eine römische Armee blockierte die Straße beim Rimini, ein zweites Heer, befehligt vom Konsul Gaius Flaminius, marschierte über Etrurien, um Hannibal den Weg zu versperren. Der Karthager, der über die Psyche der feindlichen Feldherrn stets bestens informiert war, wusste, dass Flaminius ein Hitzkopf war, der die Feldschlacht suchte. Er sollte sie haben, im  Juni 217, auf einem von Hannibal ausgesuchten Terrain: Die Römer, nichts ahnend über den Verbleib von Hannibals Armee, marschierten über eine schmale Küstenebene am Nordufer des Trasimenischen Sees. Der Konsul, der es versäumte, sich über die Feindlage zu unterrichten, begab sich in die Falle: Das karthagische Heer war auf die Hügel am Rand der Uferebene verteil; durch dichten Morgennebel zusätzlich getarnt, warfen sich Hannibals Truppen auf die Marschkolonne, die sich nicht mehr in Schlachtordnung formieren konnte. Die Niederlage war verheerend. 15000 Römer fielen, auch der Konsul; 10000 gerieten in Gefangenschaft. Der Senat sah ein, dass Hannibal im Felde kaum besiegbar war.

Ein Diktator, der betagte Feinde des Puniers wie der Historikerwurde jetzt für sechs Monate mit weitgehenden Vollmachten für die Kriegführung ausgestattet. Fabius, bald der Zauderer (>cunctator< genannt, vermied die Feldschlacht. Fabius' „methodisches Nichtstun“ (Mommsen) wurde von den Zeitgenossen heftig kritisiert - die Nachwelt erhob den übervorsichtigen Greis dagegen auf das Podest die Schlacht und eines Retters des Vaterlandes. Doch: „Nicht der Zauderer hat Rom gerettet, sondern das feste Gefüge seiner Eidgenossenschaft.“ (Mommsen).Und fügen wir hinzu: wohl auch die Angst der Bundesgenossen vor der Vergeltung vor der Vergeltung eines  siegreichen Roms ...

 

CANNAE UND DIE FOLGEN

Aufsehen erregte vor allem die Schlacht bei Cannae (216v. Chr.). Ihre Hauptzüge lauten wie folgt: Der zahlenmäßig weit überlegenen Masse frontal angreifender römischer Truppen begegnete Hannibal mit einer flexiblen Tak-tik, die sich durch Beweglichkeit und Ausnützung des Geländes auszeichnete (--> Stichwort Cannae).

Obwohl den ungeheuren römischen Verlusten nur vergleichsweise geringe Einbußen auf karthagischer Seite gegenüberstanden, nutzte Hannibal nicht die Gunst des Augenblicks und verschonte Rom. Die vorherrschende Ansicht sieht in Cannae einen überwältigenden Sieg Hannibals, der aber durch seine Unentschlossenheit nachträglich verspielt worden sei. Hannibal, so lautet der häufig erhobene Vorwurf, hätte nachdem römischen Debakel den Krieg durch die Einnahme Roms beenden können. Dass er sich dazu nicht aufraffen konnte, so wird gefolgert, erweist ihn als einen zwar militärisch fähigen, aber letztlich mit politischer Blindheit geschlagenen Troupier. Darüber hinaus lässt die Größe der Niederlage die Gloriole Roms heller erstrahlen, erscheint es doch als ein Gemeinwesen sui generis, das selbst derartige Schlage nicht nur verkraftet, sondern sogar ins Gegenteil verkehren kann. Die andere, der historischen Realität näher kommende Lesart, muss die Tragweite der Ereignisse nüchterner beurteilen. Zwar konnte Hannibal das Schlachtfeld behaupten und einen glänzenden taktischen Sieg davontragen, aber die bittere Niederlage des römischen Heeres wurde mit beträchtlichen eigenen Verlusten erkauft. Hannibals Einbußen waren viel größer als ein rein numerischer Vergleich zwischen den Potentialen beider Gegner verdeutlichen kann. Seine Armee war nach dem gewaltigen Zusammenprall mit den in Cannae bezwungenen Legionen stark mitgenommen. Eine offensive Kriegsführung alten Stils konnte er sich danach kaum noch erlauben. Die Suche nach politischen Lösungen, die Hannibal nach Cannae energisch betrieb, ist nicht Beleg für seine staatsmännische Unbeholfenheit, sondern zeugt genau vom Gegenteil. Die Gewinnung neuer Bundesgenossen verschaffte ihm die nötige Atempause. Die Römer wurden gezwungen, sich an mehreren Fronten gleichzeitig zu schlagen. Spätestens von diesem Zeitpunkt an trugen die Karthager die Last des Krieges nicht mehr allein. Die von Hannibal von Anfang an konsequent betriebene ideologische Kriegsführung trug nun erste Früchte. Sie erlaubte ihm die Befolgung seines politisch-militärischen Credos: die Fortsetzung seines Feldzuges auf italischem Boden, was zur Folge hatte, dass Nordafrika von den Schrecken des Krieges verschont blieb.

Welche Bedeutung die ideologisch übersteigerte Selbstwahrnehmung erlangen konnte, zeigt uns die Aufnahme des in Cannae besiegten Consuls Gaius Terentius Varro durch die römische Bevölkerung:

Gerade in dieser Stunde der Not beseelte die Bürgerschaft eine so erhabene Gesinnung, dass sehr viele Menschen aller Stände dem Consul bei seiner Rückkehr trotz einer so schweren Niederlage, für die er selbst doch einen beträchtlichen Teil der Verantwortung trug, entgegengingen und ihm dafür dankten, dass er den Staat nicht ganz aufgegeben habe. Als Heerführer Karthagos hätte er jede Strafe zu gewärtigen gehabt (Livius, Römische Geschichte XXII 61, 14).

Dieser nachträglich abgefasste Lagebericht dokumentiert jenseits des Pathos, das die Szene umrahmt, eine unbestrittene Realität: den römischen Selbstbehauptungswillen. Roms Widerstandskraft war nach Cannae durchaus nicht gebrochen.

Gegen die drückende römische Übermacht vermochte selbst das strategische Genie Hannibals auf Dauer wenig auszurichten. Schließlich konnte Scipio, der später den Beinamen „Africanus“ erhielt, Hannibal in dessen nordafrikanischer Heimat bei Zama besiegen und Karthago in die Knie zwingen (202 v.Chr.)

 

Quellen:

Rom contra Karthago. Die Punischen Kriege (= GESCHICHTE 4/2001)

Barcelo, P., Kleine römische Geschichte. Sonderausgabe, Frankfurt a.M. 22012, S. 29 - 41

Karthago gegen Rom: Zeittafel

L28: Adjektivische Interrogativpronomina 2

L28: Adjektivische Interrogativpronomina 1

L28: PPA als Partizip der Gleichzeitigkeit 5

L28: PPA als Partizip der Gleichzeitigkeit 4

L28: PPA als Partizip der Gleichzeitigkeit 3

L28: PPA als Partizip der Gleichzeitigkeit 2

L28: PPA als Partizip der Gleichzeitigkeit 1

L28: PPA 2

L28: PPA 1

L27 - Gr-Einführung: ille (Deklinationsschema und Verwendung)