SAPERE GAUDE! VIVAT LINGUA LATINA!

Latein - Tote Sprachen leben länger

Eine Information

 

 

 

Latein - Grundlage unserer Kultur

 

In welcher Sprache unterhielten sich Karl der Große und Papst Leo III.? Selbstverständlich auf La­tein. Als vor 1200 Jahren, im Sommer 799, der mächtigste Mann des Abendlandes mit dem ober­sten geistlichen Fürsten des Kontinents in Pader­born zusammentraf, wurde Weltgschichte ge­schrieben. Auf Latein. Von Karl berichtet sein Biograf, er habe Latein beherrscht wie seine Mut­tersprache, während der Papst schon von Amts wegen nichts anderes sprach.

Das ganze Mittelalter hindurch bis in die frühe Neuzeit war es so: Wer etwas zu sagen hatte in Kirche und Welt, sagte es auf Latein. Luthers The­sen an der Schlosskirche von Wittenberg waren ebenso in der Sprache Ciceros verfasst wie die Theorien des Kopernikus, Isaak Newtons Beschreibung der Gesetze der Schwerkraft oder Galileis Entdeckung der Jupitermonde. Gelehrte und Dich­ter pflegten ihren grenzübergreifenden Aus­tausch auf Latein. Lange bevor die "euro­päische Idee" geboren wurde, war Europa dank der lateinischen Sprache ein geeinter Erdteil. Noch beim Westfälischen Frieden 1648 verhandelten die europäischen Mächte größtenteils auf Latein.

Das Lateinische hielt das christliche Europa zusammen und sicherte die Kommunikation. Daher bildet das Lateinische auch heute noch eine entscheidende Grundlage unserer Kultur.

Noch immer ist die Terminologie von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik lateinisch.

Hierzu einige kleine Kostproben:

 

Plenum von plenum = voll

importieren von importare = einführen

aggressiv von aggredi = angreifen

Frequenz von frequentia = Häufigkeit

Prosit von prosit = es  möge nützen

 

Alles spricht heute vom Computer (von computare = zusam­menrechnen). Hier einige Computerbefehle mit lateinischen Wurzeln:

 

 

create von creatus = geschaffen

edit von editus = herausgegeben

error von error = Irrtum, Fehler

delete von deletus = zerstört

 

Latein - Muttersprache Europas

 

Die Römer waren durchsetzungsfähige Eroberer. Ihre militärischen Eroberungen trugen das Latein nach Nordafrika, auf die Iberische Halbinsel, quer durch Gallien von Süden nach Norden, an den Rhein und im Osten bis zur Donau. Die Sprache, die sich allmählich durch das ganze Imperium ausbreitete, war indes nicht das klassische Latein Ciceros, son­dern das Latein, wie es vom gewöhnlichen Volk gesprochen wurde. Aus diesem sog. Vulgärlatein entwickelten sich ab dem 9. Jahr­hundert rings um das Mittel­meer die romanischen Nationalsprachen: das Französische, das Spanische, das Portugiesische, das Italienische, das Rumänische und das Katalanische. Die romanischen Sprachen weisen nicht zuletzt aufgrund ihres gemeinsamen Ursprungs im Lateinischen zahllose gemeinsame Züge auf. Sie stimmen in ihren gram­matikalischen Merkmalen auffällig überein und gebrauchen die gleichen, nur verhältnismäßig we­nig voneinander abweichenden Wörter für die all­täglichen Dinge und Tätigkeiten. Selbst im moder­nen Englisch ist eine Vielzahl von Wörtern latei­nischen Ursprungs. Ungefähr 70% der Einträge eines englischen Wörterbuchs haben lateinische Wurzeln. Deshalb ist es verhältnismäßig leicht die genannten Sprachen zu lernen, wenn man das Lateinische beherrscht. Und je mehr Europa zusammenwächst, desto mehr brauchen wir schließlich Sprachkenntnisse. Wie eng die Verbin­dungen sind, zeigt folgende Tabelle:

 

Latein      Spanisch  Franz.      Italie­nisch

 

porta        porta        porte        porta

 

calidus     cálido      chaud      caldo

 

amo         amo         aime        amo

 

flos          flor          fleur        fiore

 

annus      año          an            anno

 

libertas     libertad    liberté      libertà

 

Latein als Gehirn-Jogging

 

In einer hochtechnisierten Gesellschaft kommt es darauf an, Zusammenhänge zu erfassen, Analo­gieschlüsse zu ziehen und Erkenntnisse kreativ umzusetzen. Diese Fähigkeiten werden in Einstel­lungstests geprüft und von Personalchefs besonders geschätzt. Eben diese Fähigkeiten sind es, die im täglichen Lateinunterricht geübt werden. Latein­unterricht verhilft zur Entwicklung von Konzen­trationsfähigkeit und Ojektivität im Umgang mit Sprache sowie mit sprachlichen Zeugnissen aus Vergangenheit und Gegenwart. Darüber hinaus fördert der Lateinunterricht durch die Entwicklung von Bedeutungshypothesen und Lösungsstrategien die Phantasie und die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, sich in zeitlich und örtlich entfernte Vorgänge und Verhältnisse hineinzudenken. Damit erbringt der Latein-unterricht einen Beitrag zur allgemeinen Lern- und Studierfähigkeit (vgl. Richtlinien Latein SI, 36f.).

 

Latein zur Förderung der mutter-sprachlichen Kompetenz

 

Im Zentrum des Lateinunterrichts steht die Über­setzung aus dem Lateinischen ins Deutsche. Sie schult das Ausdrucksvermögen und entwickelt die bewusste Sprachgestaltung. Indem die Schüler ihre Übersetzungen reflektieren und zwischen dem La­teinischen und Deutschen Vergleiche ziehen, erweitern sie ihre muttersprachliche Kompetenz. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich muttersprachliche Fähigkeiten von Lateinschülern gegenüber Nicht-Lateinern im Laufe der Schulzeit deutlich nach oben entwickeln.

 

Kommunikation mit der Antike

 

Die Welt, die den Schülerinnen und Schülern in lateinischen Texten und nichtsprachlichen Zeugnis­sen begegnet, liegt weit zurück in der Vergangen­heit. Damit ist die Kommunikations-situation anders als im Deutschen oder in den modernen Fremdsprachen. Spracherwerb, Text­erschließung, Übersetzung und Interpretation dienen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. So begreift der junge Mensch die historische Dimension seiner Existenz. Der Lateinunterricht fordert den Schülerinnen und Schülern in vieler Hinsicht die Auseinander-setzung mit Erscheinungen ab, die ihnen ungewohnt sind. Er fördert so die Wahrnehmung und das Verständnis andersartiger Denkformen und Anschauungen. Die Bereitschaft aber, sich auf Fremdes, nicht leicht Zugängliches einzulassen, ist eine Grundvoraussetzung für die Verständigung innerhalb einer Gesellschaft, aber auch zwischen Menschen verschiedener Kulturen.

Die Beschäftigung mit 3000 Jahren Geistesge­schichte schafft notgedrungen einen größeren Horizont. Wer  seine Herkunft nicht kennt, findet den Weg in die Zukunft nicht!

 

 

Latein als Vorbereitung auf das Studi­um

 

Der Lateinunterricht hat vorbereitende Funktion für die wissenschaftliche Arbeit. Das Er­lernen der lateinischen Sprache erleichtert die Aneig­nung wissenschaftlicher Terminologie und verhilft zu allgemeiner Gesprächsfähigkeit. Die Schülerinnen und Schüler wer­den mit grundlegenden Texterschließungs- und Interpretationsweisen vertraut gemacht, die auch in zahlreichen nichtsprachwissenschaftlichen Disziplinen bedeut-sam sind. Aus gutem Grund sind daher für zahlreiche Studiengänge Kenntnisse des Lateinischen vorgeschrieben oder erwünscht:

 

- Anglistik

- Germanistik

- Geschichte

- Archäologie

- Romanistik

- Philosophie

- Psychologie

- Medizin

- Kunstgeschichte

- Theologie

- Musikwissenschaft

- Linguistik

- Rechtswissenschaften (Promotion)

 

SAPERE GAUDE!

VIVAT LINGUA LATINA!

 

" ... Humanistische Bildung ist nicht dazu da, unse­re Probleme zu lösen, sondern sie sichtbar zu ma­chen. Humanistische Bildung ist kein absolutes, abzufra­gendes Kulturgut, sondern ein Weg sich im Leben zu orientieren.

... Wir melden keine absoluten Wahrheiten an, wenn wir unsere antike Kultur pflegen. Jeder muß lernen, den anderen in der Tiefe seiner Kultur und seines Glaubens zu erkennen, ernst zu nehmen und zu bestätigen. Ein brauchbarer Partner für andere sind wir dafür nur auf einem gesicherten Grund.

Auch für die historischen Veränderungen auf unse­rem europäischen Kontinent gewinnen die gemeinsamen Überlieferungen eine neue Aktualität. Gewiß sprechen wir nicht mehr wie früher zusammen lateinisch. Dennoch sind es die alten Sprachen mit ihrer Kultur, die uns verbinden. Die Europäische Union steht vor einer Erweiterung von heute fünf­zehn auf eines Tages bis zu siebenundzwanzig Mit­gliedern. In Wahrheit ist dies jedoch keine Erweiterung, sondern eine Vollendung im Kreise der Völker mit gemeinsamem Erbe. Sollen wir nur auf den Euro setzen und dieses Erbe vergessen? Würde das unsere Stellung in der Welt erleichtern?

... Humanistische Bildung ist kein beschütztes Wertobjekt, kein Vorbehaltsgut für die happy few, kein Luxus, sondern eine ... Hilfe der Erfahrung mit unserer Existenz, eine zeitlose, immer aktuelle Einsicht in unsere Lebensweise, ein Modell zu unserer Orientie­rung. ...

 

Altbundespräsident Richard v. Weizsäcker am 17. April 1989 in seiner Dankesrede für die Verleihung des Humanismus-Preises des Deutschen Altphilologenverbandes in Heidelberg